Der Tantra-Abend

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Wir hatten uns seit zwölf Jahren nicht mehr fünf Minuten lang einfach nur in die Augen gesehen, und nach neunzig Sekunden fing Jonas an zu kichern.

„Entschuldigung“, prustete er. „Du guckst so ernst.“

„Ich gucke nicht ernst. Ich gucke tantrisch.“

Daraufhin lachten wir beide, so sehr, dass mir die Tränen kamen und das Teelicht neben dem Sitzkissen gefährlich flackerte. Eine Frau in Leinenhose hätte uns in diesem Moment sicher streng angesehen. Aber es gab keine Frau in Leinenhose. Es gab nur uns beide, unser Wohnzimmer mit dem zur Seite geschobenen Couchtisch, zwei Kissen auf dem Teppich, fünf Kerzen auf der Fensterbank und einen Laptop, auf dem eine ruhige Stimme gerade gesagt hatte: „Haltet den Blick. Wenn ihr lachen müsst, lacht. Und dann kehrt zurück.“

Wir kehrten zurück.

Ich bin Mira, 39, Physiotherapeutin, und ich kenne den Körper von Jonas besser als meinen eigenen. Ich weiß, wo er die Schultern hochzieht, wenn eine Statikberechnung nicht aufgeht. Ich kenne die Narbe am Knie vom Kreuzbandriss und die drei Leberflecke auf seinem Rücken, die zusammen ein kleines Dreieck bilden. Er ist 42, Bauingenieur, und wir sind seit zwölf Jahren zusammen, seit zehn verheiratet. Wir lieben uns. Daran gab es nie einen Zweifel.

Aber irgendwann im letzten Winter hatte ich gemerkt, dass unser Sex einen festen Platz im Kalender hatte. Samstagabend, nach dem Tatort, nach dem Zähneputzen. Zwanzig Minuten, manchmal fünfundzwanzig. Schön, vertraut, effizient. Und danach griff einer von uns nach dem Handy, um noch schnell den Wecker zu stellen und dabei, rein zufällig, die Nachrichten zu checken.

Effizient. Ich hatte das Wort einmal im Kopf, und es ging nicht mehr weg.

Also hatte ich im September einen Onlinekurs gebucht. „Tantra für Paare – drei Abende zu zweit“. Kein Seminarhaus, keine fremden Menschen, keine Gruppenübungen, nur eine Lehrerin auf dem Bildschirm, die Anleitungen gibt, und zwei Menschen, die sie ausprobieren. Ich hatte Jonas den Link geschickt, mit einem Smiley dahinter, der unsicherer aussah, als ich es gemeint hatte.

Er hatte am Abend danach gefragt: „Willst du das, weil dir etwas fehlt?“

„Ja“, hatte ich gesagt. „Du. Mit ganz viel Zeit.“

Er hatte lange geschwiegen. Dann hatte er gesagt: „Ich bin dabei. Aber wenn ich mich lächerlich fühle, darf ich das sagen.“

„Unbedingt. Das ist sogar die erste Regel.“

Die ersten beiden Abende waren harmlos gewesen. Atmen. Zuhören. Sich gegenseitig die Hände massieren und dabei erzählen, wie es sich anfühlt. Wir hatten viel gelacht und uns ein paar Mal angeschwiegen, und hinterher waren wir mit dem Gefühl ins Bett gegangen, etwas Neues angefangen zu haben, ohne genau zu wissen, was.

Heute war der dritte Abend. Er hieß „Berührung ohne Ziel“.

Ich hatte den ganzen Tag daran gedacht. Zwischen zwei Patienten, beim Einkaufen, an der roten Ampel auf dem Heimweg. Ich hatte die Heizung im Wohnzimmer hochgedreht, weil die Lehrerin gesagt hatte, niemand könne loslassen, der friert. Ich hatte die Decke aus dem Schrank geholt, die wir sonst nur zum Picknicken benutzen, und das Mandelöl in eine kleine Schale gefüllt, die auf der Heizung warm wurde. Jonas war um halb neun nach Hause gekommen, hatte das Zimmer gesehen, die Kerzen, die Kissen, und war im Türrahmen stehen geblieben.

„Oh“, hatte er gesagt. „Das ist ernst gemeint.“

„Das ist ernst gemeint“, hatte ich gesagt und ihm die Hand hingehalten. „Handys in die Schublade.“

Er hatte gezögert, nur einen Moment, weil am nächsten Morgen eine Betonabnahme anstand und sein Polier gern spätabends anruft. Dann hatte er sein Telefon neben meines in die Küchenschublade gelegt und die Schublade mit einem kleinen Ruck zugeschoben, als würde er eine Tür hinter sich schließen.

Nach den fünf Minuten Augenkontakt lachte keiner mehr. Etwas war passiert, das ich nicht erklären konnte. Ich hatte in Jonas’ Augen Dinge gesehen, die ich längst vergessen hatte: die kleinen goldenen Sprenkel in der linken Iris. Die Müdigkeit, die er so gut versteckte. Und darunter eine Zärtlichkeit, so offen und unverstellt, dass sich mein Hals zuschnürte.

„Hallo“, sagte er leise, als die Glocke im Laptop klang.

„Hallo“, sagte ich, und meine Stimme zitterte.

Die Lehrerin erklärte die Regeln. Einer gibt, einer empfängt. Der Gebende fragt vor jeder neuen Berührung. Der Empfangende antwortet mit Ja, Nein oder Vielleicht, und jede Antwort ist richtig. Ein Nein ist ein Geschenk, sagte sie, weil es zeigt, dass ihr einander vertraut. Und es gibt ein Wort, das alles sofort beendet, ohne Begründung. Wir hatten uns am ersten Abend auf „Leuchtturm“ geeinigt, weil wir an unserem ersten gemeinsamen Urlaub einen gesehen hatten.

„Und vor allem“, sagte die Stimme, „es gibt heute kein Ziel. Kein Höhepunkt, auf den ihr hinarbeitet. Wenn er kommt, kommt er. Wenn nicht, habt ihr nichts verpasst.“

Dann schaltete ich den Laptop aus. Ab hier wollten wir allein sein.

„Wer zuerst?“, fragte Jonas.

„Du gibst. Ich empfange.“

Ich zog mich langsam aus, während er zusah. Es war seltsam, wie fremd sich das anfühlte. Normalerweise ziehen wir uns aus, wie man sich eben auszieht: im Bad, nebenher, auf dem Weg ins Bett. Jetzt stand ich im Kerzenlicht und öffnete Knopf für Knopf meine Bluse, und Jonas saß im Schneidersitz auf seinem Kissen und sah mich an, als hätte er mich noch nie nackt gesehen. Ich spürte, wie meine Brustwarzen hart wurden, nur von diesem Blick.

Ich legte mich auf die Decke, die wir auf dem Teppich ausgebreitet hatten. Er wärmte Mandelöl zwischen seinen Händen. Ich hörte das leise Reiben, roch den Duft, süß und ein bisschen nussig.

„Darf ich deine Füße berühren?“

„Ja.“

Er massierte meine Fußsohlen, und ich musste lächeln, weil er dabei die Technik benutzte, die ich ihm vor Jahren gezeigt hatte, für seine Rückenschmerzen nach dem Joggen. Dann wanderten seine Hände höher, und bei jedem neuen Ort hielt er inne und fragte. Die Waden. Ja. Die Knie. Ja. Die Oberschenkel, außen. Ja. Innen.

„Vielleicht“, sagte ich, und war selbst überrascht.

Er nickte nur und ließ seine Hände auf der Außenseite. Kein Seufzen, kein enttäuschter Blick. Er strich weiter, langsam, gleichmäßig. Und weil ich wusste, dass er nicht weitergehen würde, bevor ich es wollte, wurde der Wunsch, dass er weitergeht, mit jeder Minute größer. Es war, als hätte das Vielleicht eine Tür geöffnet, durch die ich erst jetzt hindurchgehen konnte.

„Jetzt ja“, flüsterte ich nach einer Weile.

Seine Finger glitten über die Innenseite meiner Oberschenkel, so leicht, dass ich eine Gänsehaut bekam, die bis in den Nacken lief. Er kam meiner Mitte nahe und blieb davor, immer wieder, kreiste, wanderte zurück zu den Knien und wieder hoch. Mein Atem wurde tiefer. Mein Becken hob sich, ohne dass ich es entschieden hätte.

„Atme mit mir“, sagte er leise, und das hatte nicht die Lehrerin gesagt, das kam von ihm.

Wir atmeten zusammen. Ein, langsam. Aus, noch langsamer. Er legte eine Hand flach auf meinen Bauch, knapp unter dem Nabel, und ich spürte die Wärme dort einsinken wie Sonne in einen Stein.

Er fragte nach meinen Brüsten. Ja. Er umkreiste sie mit geölten Fingern, ohne die Brustwarzen zu berühren, Runde um Runde, bis ich bettelte. Wirklich bettelte, mit einem kleinen ungeduldigen Laut, den ich von mir nicht kannte. Er lachte leise, glücklich, und strich dann endlich mit dem Daumen über die Spitzen, und ich bog den Rücken durch, als hätte mich ein Stromschlag getroffen.

„Darf ich dich zwischen den Beinen berühren?“

„Ja“, sagte ich. „Ja. Bitte.“

Im Kurs hieß das „Yoni-Massage“, und ich hatte das Wort etwas albern gefunden. Jetzt war mir jedes Wort egal. Jonas legte seine Hand zuerst einfach nur auf meine Scham, ruhig, ohne Bewegung, als würde er sich vorstellen. Ich spürte meinen eigenen Puls gegen seine Handfläche schlagen. Dann begann er, ganz langsam, mit geöltem Finger an den äußeren Schamlippen entlangzustreichen, hinauf, hinunter. Er öffnete sie behutsam. Er fand meinen Kitzler und berührte ihn kaum, ein Hauch, ein Federstrich.

„Mehr Druck?“, fragte er.

„Ein bisschen. Ja. So.“

Ich war nass, so nass wie seit Jahren nicht mehr, und ich schämte mich kein bisschen dafür. Er ließ einen Finger in mich gleiten, langsam, und hielt inne, als ich die Luft anhielt. „Gut?“ – „Gut. Bleib.“ Er blieb. Er bewegte sich in mir, sehr langsam, krümmte den Finger nach vorne, fand die Stelle, die er natürlich kannte, und drückte sanft dagegen, während sein Daumen außen kleine Kreise zog.

Normalerweise hätte ich jetzt auf den Höhepunkt zugesteuert. Hätte mich angespannt, die Augen zusammengekniffen, gearbeitet. Aber es gab kein Ziel. Also ließ ich los. Ich atmete in die Wellen hinein, statt gegen sie anzukämpfen, und sie wurden größer, breiter, sie liefen mir durch die Beine bis in die Zehen und die Wirbelsäule hinauf. Irgendwann wusste ich nicht mehr, ob ich kam oder nicht, ob das ein Orgasmus war oder etwas, für das ich keinen Namen hatte. Ich weinte ein bisschen und lachte gleichzeitig, und Jonas ließ seine Hand still auf mir liegen und hielt mit der anderen meine Hand.

„Alles gut?“, fragte er.

„Alles“, sagte ich. „Alles ist gut.“

Wir blieben lange so. Dann richtete ich mich auf, küsste ihn, schmeckte Salz auf meinen eigenen Lippen. „Tauschen“, sagte ich.

Er zog sich aus, und ich sah, wie hart er schon war. Er wurde ein bisschen rot, mit 42, nach zwölf Jahren, und das rührte mich mehr als alles andere an diesem Abend. Er legte sich auf die Decke, und ich wärmte das Öl.

„Darf ich deine Brust berühren?“

„Ja.“

Ich massierte ihn, wie ich meine Patienten massiere, mit festen, sicheren Händen, Schultern, Brust, Bauch. Und dann nicht mehr wie meine Patienten. Ich fuhr mit den Fingernägeln über seine Rippen und sah zu, wie er die Augen schloss und den Mund öffnete. Ich küsste die Stelle unter seinem Schlüsselbein, die ihn immer zum Lachen bringt, und er lachte nicht. Er stöhnte.

„Darf ich deinen Schwanz berühren?“

Er öffnete die Augen und sah mich an. „Vielleicht“, sagte er dann, und ich sah, dass es ihn Mut kostete. „Nicht sofort. Ich glaube, ich würde gern erst mal nur … gestreichelt werden. Überall sonst.“

„Dann mache ich das.“

Ich streichelte seine Oberschenkel, seine Hüften, die weiche Haut an der Leiste, die Innenseiten seiner Knie. Ich umkreiste ihn, wie er mich umkreist hatte. Sein Schwanz lag hart auf seinem Bauch, zuckte bei jeder Berührung in seiner Nähe, und ein Tropfen glänzte an der Spitze. Ich fasste ihn nicht an. Ich wartete.

„Jetzt“, sagte er heiser. „Ja.“

Ich nahm ihn in meine geölten Hände. Ganz langsam, so langsam, dass ich jede Ader spürte, strich ich an ihm hinauf und wieder hinunter. Ich legte die Hand um seine Eier, wog sie, rollte sie sacht zwischen den Fingern. Er atmete stoßweise. Ich erinnerte ihn ans Atmen, so wie er mich erinnert hatte, und er lachte atemlos und atmete mit mir, und ich spürte, wie sein ganzer Körper weich wurde und gleichzeitig noch härter, dort, wo meine Hände waren.

Er kam nicht. Er wollte es nicht, sagte er. Noch nicht.

„Ich will in dir sein“, sagte er. „Ganz ruhig. Wenn du das willst.“

„Ich will.“

Die Lehrerin hatte die Haltung gezeigt, und wir hatten am ersten Abend darüber gekichert: Er sitzt im Schneidersitz, sie sitzt auf seinem Schoß, die Beine um seine Hüften, Gesicht zu Gesicht. Jetzt kicherte keiner. Ich setzte mich auf ihn und nahm ihn langsam in mich auf, und wir sahen uns dabei in die Augen, so wie am Anfang des Abends, nur dass wir jetzt nichts mehr voreinander verstecken konnten.

Wir bewegten uns kaum. Das war das Erstaunlichste. Ich wiegte mein Becken nur ein wenig vor und zurück, er hielt meinen Rücken mit beiden Händen, unsere Stirnen berührten sich. Wir atmeten zusammen. Wenn ich einatmete, atmete er aus, und ich hatte das verrückte Gefühl, seinen Atem zu trinken. Ich spürte ihn so tief in mir, als wäre er immer dort gewesen.

„Ich liebe dich“, sagte er, und es klang nicht wie das Ich-liebe-dich vom Telefon, wenn er zur Baustelle fährt. Es klang wie das allererste.

„Ich dich auch. So sehr.“

Wie lange wir so saßen, weiß ich nicht. Die Kerzen auf der Fensterbank brannten herunter, eine nach der anderen. Irgendwann bewegten wir uns doch mehr, weil wir nicht anders konnten, weil der Körper seine eigene Geduld hat und sie irgendwann aufbraucht. Ich hob mich und ließ mich wieder auf ihn sinken, langsam, dann schneller. Er drückte sein Gesicht zwischen meine Brüste und nahm eine Brustwarze in den Mund. Ich griff in seine Haare.

„Darf ich kommen?“, flüsterte er, und ich musste lachen, weil er sogar jetzt noch fragte.

„Ja. Komm. Mit mir.“

Es war kein Feuerwerk. Es war eher, als würde ein großes, dunkles Wasser über uns zusammenschlagen und uns gleichzeitig tragen. Ich spürte ihn in mir pulsieren und mein eigenes Zusammenziehen um ihn herum, lang, tief, ohne Ende, und ich hörte uns beide, und es war mir vollkommen egal, ob die Nachbarn uns hörten. Ich hielt ihn fest. Er hielt mich fest. Wir zitterten zusammen.

Hinterher lagen wir auf der Decke, ineinander verknotet, ölig und verschwitzt, und eine Kerze war noch übrig. Jonas strich mir mit einem Finger über die Augenbraue, immer wieder.

„Kann ich dir was gestehen?“, fragte er.

„Immer.“

„Ich hatte Angst vor diesem Kurs. Ich dachte, du findest, ich mache etwas falsch.“

Ich drehte mich zu ihm. „Du hast nie etwas falsch gemacht. Wir haben nur vergessen, uns Zeit zu lassen.“

„Ich weiß jetzt nicht mal, wie spät es ist.“

Ich stand auf, nackt und mit wackeligen Knien, und suchte mein Handy. Es lag in der Küchenschublade, wo wir beide unsere Telefone vor dem Abend weggelegt hatten. Das Display zeigte 1:12 Uhr. Wir hatten um neun angefangen.

„Viereinhalb Stunden“, sagte ich, als ich zurückkam.

Jonas pfiff leise durch die Zähne. „Und ich habe nicht ein einziges Mal an den Wecker gedacht.“

Ich legte das Handy zurück in die Schublade, ohne die Nachrichten anzusehen, und kroch zu ihm unter die Decke. Draußen fuhr ein letztes Auto vorbei. Die letzte Kerze flackerte.

„Nächsten Freitag?“, fragte er an meinem Hals.

„Nächsten Freitag. Aber dann zünde ich die Kerzen an.“

„Und ich darf wieder lachen?“

„Du musst“, sagte ich. „Das ist die erste Regel.“

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