Nach der Weinlese

·10 Min. Lesezeit

Am ersten Morgen hatte ich nach zwei Stunden Blasen an beiden Händen, einen Sonnenbrand im Nacken und die feste Überzeugung, dass ich den Verstand verloren hatte.

„Handschuhe“, sagte Matthias und warf mir ein Paar zu, ohne von seinen Reben aufzusehen. „Ich habe sie dir gestern Abend auf die Treppe gelegt.“

„Ich dachte, die gehören jemand anderem.“

„Sie gehören der Frau, die freiwillig ihren Urlaub damit verbringt, an einem Hang mit sechzig Prozent Steigung Trauben zu schneiden.“ Jetzt sah er doch auf, und unter der Schirmmütze blitzte ein Grinsen. „Also dir.“

Ich bin Carla, 36, Grafikdesignerin aus Köln. Ich entwerfe Etiketten für Weinflaschen, seit acht Jahren, für Weingüter, deren Hänge ich nie gesehen hatte. Im Frühjahr hatte ich das Etikett für einen kleinen Betrieb an der Mosel gestaltet, und der Winzer hatte mir am Telefon gesagt: „Sie zeichnen meinen Riesling, ohne je eine Traube in der Hand gehabt zu haben. Kommen Sie zur Lese. Dann wissen Sie, was Sie da malen.“

Ich hatte gelacht. Und dann, im September, eine Woche Urlaub eingereicht.

Das Weingut Kessler lag in einem Dorf mit einer Kirche, einer Bäckerei und zweihundert Einwohnern, und der Hang dahinter stieg so steil an, dass man den Kopf in den Nacken legen musste, um die oberste Rebzeile zu sehen. Matthias Kessler war 43, groß, mit breiten Händen, an denen der Traubensaft dunkle Ränder unter den Nägeln hinterließ. Er hatte den Betrieb vor zehn Jahren von seinem Onkel übernommen und führte ihn seit seiner Scheidung allein, mit zwei Saisonhelfern aus Polen, einer pensionierten Postbotin aus dem Nachbarort und, in dieser Woche, mir.

Er redete wenig. Aber wenn er redete, dann über die Reben, und dann wurde seine Stimme anders, weicher, beinahe zärtlich.

„Schiefer“, sagte er am dritten Tag und hob einen flachen, blaugrauen Stein auf. „Der speichert die Wärme. Tagsüber saugt er die Sonne auf, nachts gibt er sie an die Wurzeln ab. Deshalb schmeckt der Wein hier so, wie er schmeckt.“

Er legte mir den Stein in die Hand. Er war warm wie Haut.

„Behalte ihn“, sagte er. „Für dein nächstes Etikett.“

Ich steckte ihn in die Hosentasche. Den Rest des Tages spürte ich ihn dort, an meinem Oberschenkel, und dachte an seine Hand, als er ihn mir gegeben hatte.

Am vierten Tag schnitt ich mir in den Finger. Nichts Schlimmes, aber es blutete, und Matthias war sofort da, nahm meine Hand, drehte sie ins Licht, zog ein Pflaster aus der Brusttasche seines Hemdes. Er klebte es mir behutsam um den Finger und hielt meine Hand einen Moment länger fest, als nötig gewesen wäre.

„Pass auf deine Hände auf“, sagte er leise. „Du brauchst sie zum Zeichnen.“

„Und du?“

„Ich brauche sie für alles.“

Wir sahen uns an, über die Rebzeile hinweg, und dann rief die Postbotin von weiter unten, ob jemand ihr mit der Kiepe helfen könne, und der Moment war vorbei. Aber er war da gewesen. Wir wussten es beide.

Am letzten Abend gab es das Lesefest. So nannte Matthias es, auch wenn es eigentlich nur ein langer Tisch im Hof war, mit Zwiebelkuchen, Federweißem und allen, die in dieser Woche mitgeholfen hatten. Die Polen sangen, die Postbotin erzählte Geschichten aus vierzig Jahren auf ihrer Zustellrunde, und irgendwann holte jemand eine Gitarre.

Ich trank Traubensaft. Ich wollte am nächsten Morgen nach Köln fahren, und ich wollte diesen Abend mit klarem Kopf erleben, jede Minute davon. Matthias trank auch nur Wasser. Als ich ihn fragend ansah, zuckte er mit den Schultern.

„Morgen früh kommt der Lohnkelterer. Ich muss fit sein.“

Gegen elf löste sich die Runde auf. Die Polen gingen in ihre Ferienwohnung, die Postbotin fuhr mit dem Fahrrad nach Hause, und ich stand mit Matthias allein im Hof, zwischen leeren Gläsern und Kuchenkrümeln. Über dem Hang stand ein fast voller Mond.

„Willst du ihn mal nachts sehen?“, fragte er.

„Wen?“

„Den Weinberg. Ganz oben. Es gibt da eine Stelle, von der aus man die ganze Mosel sieht.“ Er zögerte. „Du musst nicht. Es ist steil, und es ist spät, und morgen fährst du.“

„Genau deshalb“, sagte ich.

Wir stiegen über die schmalen Treppen zwischen den Rebzeilen hinauf, er voraus mit einer Taschenlampe, die er nach den ersten Stufen ausschaltete, weil der Mond hell genug war. Die abgeernteten Reben warfen lange Schatten. Es roch nach Erde, nach zerdrückten Trauben, nach dem warmen Schiefer, der die Sonne des Tages noch ausatmete. Unter uns lag das Dorf, ein paar Lichter, die Kirche, und dahinter, silbern, die Mosel in ihrer großen Schleife.

Ganz oben, wo der Hang an den Wald stößt, gab es eine kleine ebene Fläche mit einer Holzbank und einem verwitterten Wegkreuz. Die nächsten Häuser waren einen Kilometer entfernt, und außer einem Käuzchen war nichts zu hören. Matthias zog eine Wolldecke aus seinem Rucksack und breitete sie auf dem Gras vor der Bank aus.

„Du hast eine Decke dabei“, stellte ich fest.

„Ich habe immer eine Decke dabei. Es wird kalt hier oben.“ Er sah mich an, und im Mondlicht konnte ich sehen, dass er rot wurde. „Das ist keine Strategie. Ehrlich.“

„Schade“, sagte ich.

Wir setzten uns. Eine Weile sahen wir einfach auf den Fluss. Dann zog ich den Schieferstein aus meiner Tasche und legte ihn zwischen uns auf die Decke.

„Ich habe ihn die ganze Woche mit mir herumgetragen“, sagte ich.

„Ich weiß. Ich habe gesehen, wie du ihn manchmal anfasst.“

„Und was hast du dir dabei gedacht?“

Er schwieg so lange, dass ich dachte, er würde nicht antworten. Dann sagte er, ohne mich anzusehen: „Dass ich gern der Stein wäre.“

Ich lachte nicht. Ich wollte, aber es kam nicht. Stattdessen streckte ich die Hand aus und legte sie auf seine, die neben dem Stein auf der Decke lag. Seine Finger waren rau und warm.

„Matthias“, sagte ich. „Ich fahre morgen. Ich weiß nicht, ob ich wiederkomme. Ich will dir nichts versprechen, was ich nicht weiß.“

„Ich will auch kein Versprechen.“ Er drehte seine Hand um, sodass unsere Handflächen aufeinanderlagen. „Ich will nur wissen, ob du willst, dass ich dich küsse.“

„Ja“, sagte ich. „Seit Dienstag.“

„Seit dem Pflaster?“

„Seit dem Pflaster.“

Er küsste mich vorsichtig, als könnte ich zerbrechen. Seine Lippen schmeckten nach Wasser und ein wenig nach dem Zwiebelkuchen, und ich musste in den Kuss hinein lächeln. Dann legte ich ihm die Hände in den Nacken und zog ihn näher, und er hörte auf, vorsichtig zu sein. Sein Bart kratzte an meinem Kinn, seine Hand fand meinen Rücken unter der Jacke, und ich spürte, wie mein ganzer Körper aufwachte, nach einer Woche Muskelkater und Müdigkeit, als hätte er nur darauf gewartet.

„Ist dir kalt?“, fragte er an meinem Hals.

„Nein. Mir ist alles andere als kalt.“

„Sag mir, wenn ich aufhören soll.“

„Und du mir.“

Er lachte leise. „Das wird nicht passieren.“

Ich zog ihm das Hemd aus der Hose und schob meine Hände darunter, über seinen Bauch, seine Brust. Er hatte die Haut eines Mannes, der den ganzen Sommer draußen arbeitet, warm und fest, an den Armen gebräunt und am Bauch ganz hell. Ich knöpfte das Hemd auf und küsste die helle Stelle, und er sog die Luft ein und legte mir die Hand auf den Hinterkopf.

Dann zog er mir die Jacke aus und den Pullover, und ich saß im Mondlicht im BH vor ihm, und die Nachtluft strich über meine Schultern. Er sah mich an, lange, so wie er seine Reben ansah, und strich mit dem Handrücken über meinen Arm, mein Schlüsselbein, die Wölbung meiner Brust.

„Darf ich?“

„Ja.“

Er öffnete den Verschluss mit einer Hand, und ich musste lachen. „Das war zu gekonnt für einen Mann, der immer nur eine Decke dabeihat.“

„Ich bin geschieden, nicht tot“, sagte er, und dann beugte er sich vor und nahm eine Brustwarze zwischen die Lippen, und ich hörte auf zu lachen.

Wir ließen uns zurück auf die Decke sinken. Ich spürte das Gras darunter, die Unebenheiten des Bodens, einen Schieferbrocken irgendwo unter meiner Schulter, den Matthias wegschob, ohne den Mund von meiner Haut zu nehmen. Über mir die Sterne, mehr, als ich in Köln je gesehen hatte. Er küsste sich über meinen Bauch nach unten und öffnete den Knopf meiner Jeans und sah zu mir hoch.

„Ja“, sagte ich, bevor er fragen konnte. „Ja, ja, ja.“

Er zog mir die Jeans und den Slip über die Hüften, und die kühle Luft strich über meine nackten Beine, und dann war da sein warmer Atem zwischen meinen Schenkeln, und dann sein Mund. Er war langsam. Er war so geduldig wie den ganzen Tag zwischen den Reben, als hätte er alle Zeit der Welt und wollte keine einzige Traube übersehen. Seine Zunge glitt durch meine Schamlippen, umkreiste meinen Kitzler, ließ ihn aus und kam zurück, bis ich die Finger in die Decke krallte und die Hüften hob.

„Matthias …“

„Hm?“

„Nicht aufhören.“

Er hörte nicht auf. Er schob zwei Finger in mich, langsam, und krümmte sie, und gleichzeitig saugte er an meinem Kitzler, und ich hörte mich stöhnen, laut, hemmungslos, hier oben, wo nur das Käuzchen und der Mond zuhörten. Es baute sich auf wie ein Gewitter über dem Fluss, in Wellen, und als es kam, kam es mit voller Wucht. Ich bäumte mich auf, presste die Schenkel um seinen Kopf und rief seinen Namen in die Nacht, und er hielt mich fest, die Hände an meinen Hüften, bis das Zittern langsam abklang.

Als ich die Augen öffnete, lag er neben mir, auf einen Ellbogen gestützt, und sah mich an.

„Das Käuzchen hat geantwortet“, sagte er.

„Lügner.“

„Ein bisschen.“

Ich zog ihn zu mir und öffnete seinen Gürtel, und diesmal war ich nicht langsam. Ich wollte ihn. Ich schob seine Hose nach unten und nahm seinen Schwanz in die Hand, hart und heiß in der kühlen Nachtluft, und er stöhnte so tief, dass ich es in meiner eigenen Brust spürte. Ich streichelte ihn, ließ den Daumen über die Spitze gleiten, spürte, wie er pulsierte.

„Hast du …?“, fragte ich.

Er griff nach seinem Rucksack und zog ein kleines Päckchen aus dem Seitenfach. Ich zog eine Augenbraue hoch.

„Okay“, sagte er. „Das war vielleicht doch ein bisschen Strategie. Seit dem Pflaster.“

„Gut“, sagte ich und nahm es ihm aus der Hand.

Ich rollte ihm das Kondom selbst über und setzte mich auf ihn. Ich ließ ihn ganz langsam in mich gleiten, Stück für Stück, und sah dabei auf ihn hinunter, auf sein Gesicht im Mondlicht, die geschlossenen Augen, den geöffneten Mund. Als ich ganz auf ihm saß, öffnete er die Augen und sah mich an, und keiner von uns bewegte sich.

„Du bist wunderschön“, sagte er. „Mit dem ganzen Fluss hinter dir.“

Ich beugte mich vor und küsste ihn, und dann begann ich, mich zu bewegen.

Langsam zuerst, mit kreisenden Hüften, die Hände auf seiner Brust. Er legte die Hände an meine Taille und half mir, fand meinen Rhythmus, kam mir von unten entgegen. Die Decke rutschte, das Gras kitzelte an meinen Knien, und es war mir egal. Ich ritt ihn schneller, tiefer, und er richtete sich auf, schlang die Arme um mich, und wir bewegten uns zusammen, Brust an Brust, sein Mund an meinem Hals, an meinem Ohr.

„Carla“, flüsterte er. „Carla.“

Er drehte uns herum, sanft, und legte mich auf den Rücken, und jetzt sah ich die Sterne über seiner Schulter. Er stieß in mich, tief und gleichmäßig, und ich schlang die Beine um ihn und zog ihn noch tiefer. Seine Hand rutschte zwischen uns, fand meinen Kitzler, und ich spürte, wie es sich wieder aufbaute, schneller diesmal, heftiger.

„Ich komme gleich“, keuchte ich.

„Ich auch. Warte auf mich.“

„Nein“, sagte ich, „komm mit.“

Und er kam mit. Ich spürte, wie er sich anspannte, hörte ihn aufstöhnen, rau und tief, und in diesem Moment riss es auch mich mit, und wir kamen zusammen, unter einem Himmel voller Sterne, über einem Fluss, der seit Jahrtausenden in derselben Schleife fließt.

Wir blieben liegen, bis uns kalt wurde. Dann zog Matthias die Decke über uns, und ich legte den Kopf auf seine Brust und hörte, wie sein Herz langsam ruhiger wurde. Irgendwann fing es im Osten an zu dämmern, ein blasser grauer Streifen über den Hügeln, und unter uns stieg Nebel aus der Mosel.

„Du musst bald fahren“, sagte er.

„Ich weiß.“

„Kommst du wieder?“

Ich dachte an mein Atelier in Köln, an die Etiketten, an die Weingüter, deren Hänge ich nie gesehen hatte. Ich griff nach dem Schieferstein, der irgendwo neben der Decke im Gras lag, und hielt ihn in der Hand. Er war kalt geworden in der Nacht.

„Ich mache dir einen Vorschlag“, sagte ich. „Ich zeichne das Etikett für deinen nächsten Jahrgang. Diesmal nicht vom Foto.“

„Und dafür?“

„Dafür will ich nächstes Jahr wieder zur Lese kommen. Und das Jahr danach. Und dazwischen auch mal.“

Er lachte, dieses seltene, weiche Lachen, das ich die ganze Woche nur zwischen den Reben gehört hatte. „Das klingt nach einem langen Vertrag.“

„Mit Kündigungsrecht“, sagte ich. „Für beide.“

„Abgemacht“, sagte er, und küsste mich, während unten im Tal die Kirchenglocke sechs Uhr schlug.

Das Etikett hängt jetzt gerahmt in meinem Atelier. Ein Steilhang im Mondlicht, eine winzige Bank ganz oben, zwei Gestalten auf einer Decke, so klein, dass man sie nur sieht, wenn man weiß, wo man suchen muss. Der Wein heißt „Nach der Lese“. Matthias sagt, es ist sein bester Jahrgang seit zehn Jahren.

Ich glaube, er meint nicht nur den Wein.

Mehr aus Erotikgeschichte · Alle Erotikgeschichten · Zum Ratgeber-Blog